Blog Roma

Warum hört man nichts mehr von den Roma?

„Vom Westbalkan kommen schon länger nur noch wenige Flüchtlinge. Das hatte im Herbst schon stark abgenommen. Viele Menschen vom Balkan können wir auch von einer freiwilligen Rückreise überzeugen. Da hilft uns die neue Berufsverordnung: Die Menschen können, wenn sie freiwillig ausreisen, als Arbeitsmigranten wiederkommen, – vorausgesetzt, sie haben einen Arbeitsvertrag“. So – erleichtert Fr Bärbel Schäfer vom Regierungspräsidium Freiburg bei einem Interview mit „Der Sonntag“ vom 27.12.2015.

Ist damit der ganze „Roma-spuk“ vorbei?

Haben die politischen Maßnahmen, die ergriffen wurden, mit Grenzabdichtung, mit Stacheldraht und mit Gegeninformation in den Westbalkanstaaten ihren Zweck erfüllt? Wie glaubwürdig, wie tragfähig ist die neue Berufsverordnung in der Realität?

Bestätigt nicht dieser Rückgang das, was Teile der  Öffentlichkeit schon immer „wussten“, dass nämlich die Emigranten aus den Westbalkastaaten nur „Scheinflüchtlinge“, „Sozialstaats-schmarotzer“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“ sind? Waren damit alle Angaben von der Seite der „Gutmenschen“ nur vorgeschoben?

Ich meine, wir sollten uns nichts vormachen:

Wenn Roma plötzlich nicht mehr als Flüchtlinge über die Grenze kommen, heißt das nicht, dass sie …

  • nicht mehr diskriminiert werden in ihren Heimatländern;
  • plötzlich als gleichberechtigt angesehen werden bei der Verteilung der einflussreichen Stellen in Politik und Wirtschaft, ja bei der Besetzung eines freiwerdenden Arbeitsplatzes;
  • nun nicht mehr auf Müllkippen Altmetall suchen müssen, um ihr tägliches Auskommen zu haben;
  • von nun an ein gesichertes Einkommen haben, von dem sie leben können;
  • ab sofort nicht mehr vertrieben und ihre Häuser niedergewalzt werden;
  • alle Wohnungen fließendes Wasser haben, bezahlbaren Strom und ausreichende Heizmöglichkeiten; ja, dass jeder wenigstens einen minimalen Raum innerhalb der Behausungen beanspruchen kann;
  • ab sofort alle Zugang zu den Krankenkassen hätten und selbstverständlich damit bezahlbare Heilfürsorge;
  • ab sofort ausreichenden Schutz durch die Polizei und KFOR bekommen, der ihnen ein bürgerliches Leben ermöglicht mit Rechtsschutz vor Gerichten und Behörden, mit Schutz vor Gewalt und vor blindwütigem Völkerhass auf den Strassen;
  • ihre Kinder von jetzt an ohne schützende Begleitung in die Schule gehen können, dass sie plötzlich in die Regelschule aufgenommen werden und nicht mehr in Sonderschulen abgeschoben werden …

Wir sollten sie selber fragen, ob sich im letzten Jahr das Geringste zu ihren Gunsten geändert hat, sei es in Serbien oder dem Kosovo, sei es in Mazedonien oder in Bosnien-Herzegowina, sei es in Albanien oder in Montenegro, in Rumänien oder Bulgarien. – Die politische Festlegung „Sicheres Herkunftsland“ sollte nicht dazu verleiten zu glauben, dass mit dieser Festlegung nur ein einziges der immensen Probleme der Roma in den Westbalkanstaaten gelöst wäre. Und wieder einmal verschwinden die Roma aus dem öffentlichen Bewußtsein ….

H. Kiermayer, 28.12.2015