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Sozialpraktikum beim AKM

Sozialpraktikum beim AKM (Foto: Silvia Waßmer)

Das gemeinsame Fußballspielen in der Freizeit macht den Schülern des Neuenburger Gymnasiums und den Flüchtlingen aus der nahegelegenen Unterkunft gleichermaßen viel Spaß. Edgar Kunz aus der Klasse 10a registriert dabei fast erstaunt, dass die Kick-Freunde aus Gambia, Syrien oder Afghanistan ganz ähnliche Interessen haben wie er und seine Kumpels, angefangen von der Musik über Computerspiele bis zum Sport.

Als es gilt, das Sozialpraktikum (Sogy) in der 10. Klasse zu absolvieren, bewirbt sich Edgar Kunz beim Arbeitskreis „Miteinander“ in Lörrach. Er will mehr erfahren über die Situation der Flüchtlinge und über ihre Gefühle nach der Flucht.

Sozialpraktikum beim AKM

Sozialpraktikum beim AKM

Die Bewerbung des Schülers überraschte uns zunächst, aber dann war schnell klar, dass sich hier eine große Chance auftat, Jugendlichen über jemanden aus ihrer Mitte Einblick in die Welt der Flüchtlinge zu bieten, und damit Barrieren abzubauen. Ingrid Jennert kümmerte sich in Absprache mit Ute Schmitz und Ingrid Schell um die Ausgestaltung des Praktikums. Ohne die Unterstützung der „Hauptamtlichen“ auf dem weiten Gebiet der Flüchtlingsaufnahme und -unterbringung wäre indes kein seriöses Angebot für den Schüler möglich gewesen. Dank unserer über 20-jährigen Arbeit  ist der AKM gut vernetzt mit allen relevanten Anlaufstellen im Kreis. „Die Kooperation war einfach toll“, berichtet Ingrid, und so bekommt der Schüler vielfältige Möglichkeiten, sich authentisch zu informieren. Ohne Theorie geht es natürlich nicht. Ingrid erläutert Edgar Kunz die Stationen eines Flüchtlings nach seiner Ankunft in Deutschland, und welche Hürden es dabei oft zu überwinden gilt. Bei der Integrationsbeauftragten des Landkreises, Eva Petersik, erhält Kunz dann aber schon am ersten Tag einen Einblick in die Abläufe von Aufnahme und Unterbringung der Schutzsuchenden. Bei Sibylle Zeiser von der Migrationserstberatung des Diakonischen Werkes in Weil erfährt er von praktischen Nöten und Schwierigkeiten der Migranten. Hautnah, und ganz seinen Intentionen entsprechend, erlebt Edgar Kunz dann den Alltag der Flüchtlinge in der Gemeinschaftsunterkunft in Haltingen, wo er je einen Tag bei Heimleiter Bernhard Heyl und bei Sozialbetreuerin Iris Genswein schnuppern  darf. Die Infrastruktur der Unterkunft und die Regelung des Zusammenlebens beeindrucken den Schüler. Container steht hier an Container, deren Türen sich zum riesigen beheizten Gemeinschaftszelt hin öffnen. Hier stehen Tische und Stühle und große Kühlschränke mit abschließbaren Fächern für jede Familie. Etwa 100 Flüchtlinge aus 12 Nationen treffen sich hier. Edgar Kunz findet es gut, dass alle hier zusammenkommen und sich nicht räumlich separieren können. Empathie zeigt er bei den Jugendlichen, für die es weder in einer Schule noch zu einer Ausbildung einen Platz gibt. „Kein Wunder, dass es da auch mal zu Streitigkeiten kommt“, so Kunz, „wenn sie den ganzen Tag herumsitzen“. Anderntags, als er den Klienten von Iris Genswein vom Diakonischen Werk beim Ausfüllen von diversen Formularen half, kann der Schüler erleben, welche Herausforderungen die Menschen alleine damit meistern müssen. Wie wichtig die Unterstützung durch Ehrenamtliche in dieser Beziehung ist liegt hier auf der Hand.

Sozialpraktikum beim AKM (Foto: Silvia Waßmer)

Sozialpraktikum beim AKM (Foto: Silvia Waßmer)

Der AKM kümmert sich heute zusammen mit den örtlichen Helferkreisen um die Begleitung der Flüchtlinge, die die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen durften und dezentral im ganzen Kreis Lörrach leben. Bei einem Begleitertreffen, bei dem sich die Mitglieder regelmäßig austauschen über Fragen und Schwierigkeiten „ihrer“ Flüchtlinge, erhält der Schüler einen Einblick. Von der drohenden Abschiebung über die fehlende Möglichkeit, einen Integrationskurs zu besuchen, bis zur desolaten Situation der Romas im Kosovo, prasseln authentische Probleme von Flüchtlingen auf den Schüler nieder. Sie dürften sich nicht von denen der Familien der Fußballkumpels in Neuenburg unterscheiden. Beim nächsten Kick-Abend ist Edgar Kunz vielleicht erstaunt, dass manche Mitspieler dennoch so gut drauf sind.

Zum Abschlussgespräch kamen auch unsere beiden Vorsitzenden Vitus Lempfert und Ute Schmitz. Ute lockte mit ihren Fragen noch manche Details aus dem eher ruhigen jungen Mann heraus. Vitus freute sich, dass wir dem Schüler so ein informatives Programm bieten konnten, und bat ihn, bei seinen Mitschülern von seinen Erlebnissen zu berichten.

Ingrid Jennert