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Roma aus den Westbalkanländern als Asylsuchende

Roma aus den Westbalkanländern als Asylsuchende:

(Eine Suche nach einer kritischen Antwort von H.Kiermayer, 18.9.2015)

Durch ständige Wiederholung in den Medien
wird in unseren Tagen „der echte Flüchtling“ nur noch mit „Syrer“ gleichgesetzt. Zwischendurch werden auch die Boatpeople noch als „echte Flüchtlinge“ anerkannt; – die anderen, die „Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive“ oder „ohne Chance auf Anerkennung“ werden
– rein örtlich abgeschoben in Lager, die von Vorneherein nur als Warteräume zur Abschiebung dienen
– oder auch im Bewusstsein der Medien: Sie finden dort kaum noch Erwähnung. Sie verdämmern auf unserem „Bildschirm“.

Und wieder einmal sind es die Roma, die man damit trifft:
Endlos wiederholen die Politiker die Floskeln, man solle Flüchtlinge aus den „sicheren Balkanländern“ schnellstmöglich abschieben, gemeint sind sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“.
Wer hat sich einmal persönlich ernsthaft damit auseinandergesetzt, wer diese sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge aus den sicheren Balkanländern“ sind? Was sie dazu treibt zu uns zu kommen? Ja, was ein „sicheres Herkunftsland“ ist?
Wer hat sich einmal ernsthaft gefragt, warum Berlin 50 Millionen Euro und viele Soldaten auch 2015 zur KFOR-verstärkung nach dem Kosovo schickt, um dort die verfeindeten Völker der Serben und Albaner auseinander zu halten, wenn es doch ein „sicheres Herkunftsland“ ist?  Zitat: „Solange jedoch die Lage insbesondere im Norden Kosovos im Zuge weiterer Fortschritte im Prozess der Normalisierung der Beziehungen zwischen Serbien und Kosovo noch nicht nachhaltig stabilisiert ist, ist eine weitere enge Begleitung durch KFOR notwendig.“ (Aus: Bundestag.de/doc/btd/18/050/1805052.pdf)

Wenn man unsere Romaflüchtlinge hier, die zwischen den beiden Mühlsteinen, Serben und Albaner liegen, befragen möchte, warum sie alles zurückließen, bekommt man kaum eine Antwort. Sie sind scheu, sie äußern sich nicht gerne, weil sie seit Jahrhunderten (genau seit dem 15. Jahrhundert) gewohnt sind, dass jede Äußerung ihrerseits anschließend gegen sie verwendet wird, oder doch werden kann. Schauen wir allein auf unsere „tolerante BRD“: Glauben wir wirklich, dass die Exzesse im III. Reich tatsächlich nur eine kurze geschichtliche Episode, geschuldet von den „Beratern des Führers“ waren? Heute noch stoßen die Romas auch „in Deutschland auf mehr Ablehnung als jede andere Gruppe“. (BZ 4.9.2014, dpa-Meldung: Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes) Wie erst in den Balkanländern, wo nationalistische Auseinandersetzungen an der Tagesordnung sind, wie vor kurzem noch in Nordmazedonien?

Manchmal äußern sich unsere Flüchtlinge, wenn man sie länger kennt, hier seien nur einige zitiert:
( Konkreteres über die Schicksale der einzelnen Romafamilien dürfen wir hier nicht erzählen, weil wir Diskretion versprochen haben.)

– „Wir getrauen uns unsere Kinder nicht mehr in die Schule zu schicken, weil sie schikaniert werden von den Albanern.“
– „Unsere ganze Familie wird immer wieder verdächtigt, mit den Serben (in den 90er Jahren) kollaboriert zu haben, man schikaniert uns, wo man kann …“
– „Kaum einmal haben wir die Chance irgendwo eine Arbeit aufzunehmen, dann kommt irgendjemand, der erkennt, dass unsere Männer Roma sind, – und weg ist der Arbeitsplatz …“
– „Würden Sie nicht fliehen, wenn die Stimmung in der Umgebung so heiß aufgeladen ist, dass auf „ihre Schwester“ geschossen wird?“ … (Können wir uns die beständige Angst vor dem Nachbarn, dem man schutzlos ausgeliefert ist, überhaupt noch vorstellen?)
– Würden Sie nicht fliehen, wenn auch heute noch ein Romajunge auf offener Straße erschossen werden kann und der Polizist zuschaut ohne einzugreifen, denn es gibt keine „unparteiische staatliche Gewalt“, an die man sich wenden kann?
– Wenn eine junge Frau entführt wird und mehrfach vergewaltigt wird?
– Wenn der Ehemann entführt wird, zur Arbeit irgendwo gezwungen wird und dann, wenn er fragt, ob er dafür entlohnt wird, an einen Baum gebunden wird, wo den Hilflosen zufällig ein Schäfer wiederfindet?
– „Wenn man sie selbst oder Ihren Sohn mit Drohungen zum IS zwangsrekrutieren will?“ (Siehe dazu SZ vom 04.09.2015/infu/ebri)
– Warum sind so viele Selbstmordversuche bei unseren Romaflüchtlingen, wenn man sie erneut ausweisen will?
– Oder, lassen wir den falschen Eindruck einmal bestehen: Sie suchen „nur“ wirtschaftlich ein „besseres Leben“. Diese Formel geht doch davon aus, dass sie vorher ein „erträgliches Leben“ geführt haben; es kommt immer auf die Basislinie an, von der man sich verbessern kann; und wenn die bei 0 liegt, dann macht dies den entscheidenden Unterschied. . (siehe hierzu: Deutschlandfunk Kultur studio 9, Beitrag 8.7.2015)

Hier sollen nicht die einen Flüchtlinge gegen die anderen ausgespielt werden ….,

doch haben wir eine Forderung: Man soll alle nach ihren Fluchtgründen und ihren Lebensmöglichkeiten gewissenhaft befragen, doch dies geht mit Sicherheit nicht in einem Schnellverfahren nach dem Motto: „Kommt aus sicheren Herkunftsländern“; dies geht sicher nicht mit Vorverurteilung, indem man die „echten“ von den „unechten“ trennt lediglich auf Grund ihres Herkunftslandes. Und das geht auch sicherlich nicht in einem Schnellverfahren, wo sich nicht, oder schlecht ausgebildete Leute (BZ 18.9.: Der Flaschenhals im Asylverfahren) innerhalb von 10 Minuten ein Bild machen sollen von der komplexen Situation im Kosovo oder in Serbien. (siehe dazu: ERRC – From the lawyer Bérénice Böhlo, member of the working group Rom_nja Bleiberecht! Refugee Council Berlin. Zit in: Roma Rights 1 2014: Going Nowhere? 1.10.2014: Blitzverfahren, by Helene Heuser)

Sollen nun alle in der BRD aufgenommen werden, die Asyl beantragen?
Wie soll man all die Flüchtlinge versorgen heute und in der Zukunft?
Es ist nicht möglich, diese Fragen ist hier zu beantworten, doch sollten gleiche Rechte für alle gelten: siehe dazu folgendes Zitat aus Roma Rights 1 2014, Helene Heuser an anderer Stelle:
“That the Romani minority suffers from a wide range of structural discrimination in the countries of the Western Balkans has been demonstrated by various reports from international organisations.9 This seems to suggest that this minority might also have asylum-relevant reasons to flee from their countries of origin to Germany. The new amendment to the asylum procedure law in December 2013 has clarified that an accumulation of different measures (e.g., small, regular forms of discrimination) may also constitute political persecution: Measures which are so grave that a person is affected by them in a way that is similar to a grave violation of fundamental human rights.10 This law shows that the structural discrimination of a minority group such as the Roma may constitute a right to get asylum for a member of that minority who was fleeing to Germany because he or she was regularly a victim of discrimination, for example in relation to jobs, housing, access to schools and healthcare.”