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Gedenkveranstaltung Auschwitz-Birkenau

Soraya Post, Mitglied des Europäischen Parlaments: Ansprache am 2.8.2015 bei der Gedächtnisveranstaltung in Auschwitz-Birkenau:

 

Wir sind hier versammelt, um die > 3000 Roma zu ehren, an sie zu erinnern: Sie wurden in der Nacht des 2.8.1944 hier in Auschwitz-Birkenau vernichtet. Dieses Erinnern ist ein Zeichen für das Leid der Roma und Sintis während des 2. Weltkriegs. Auch ist es ein Zeichen für den anhaltenden Antiziganismus in Europa, – damals wie heute.

Ich bin tief traurig darüber, hier zu sein tut weh.

Sich hier erinnern zu lassen,  tut weh.

Hier eine Antwort zu suchen,  tut weh.

Hier von all diesem  zu hören, tut weh.

Ich werde diese tiefe Traurigkeit für den Rest meines Lebens mit mir tragen, bis meinem Volk Gerechtigkeit widerfährt; bis man die Roma und Sintis als Menschen anerkennt; bis die Gesellschaft ihnen gegenüber insgesamt gleichen Respekt zeigt wie allen anderen.

Diese tiefe Traurigkeit wird erst verschwinden, wenn ich einen Wandel sehen kann, einen Wandel zu einer besseren Zukunft für unsere Kinder. Der tägliche Kampf ums Überleben muss ein Ende haben. Wir brauchen die Möglichkeit planen zu können; träumen zu können wie sonst jedermann. Ich bin so müde.

Ich bin müde, die Erinnerung mit mir zu tragen.

Ich bin müde von alle dem zu erzählen.

Aber es gibt kein Ausruhen für uns. Es ist nicht Zeit genug, unserer Trauer nachzuhängen; die Geschichte und der Konflikt gehen weiter.

Können wir denn unseren Kindern sagen, der Konflikt ist zu Ende?

Können wir uns denn selbst vormachen, die Zukunft wird besser?

 

Ich möchte mich vor den Überlebenden hier und heute entschuldigen: Meine Generation hat versagt. Wir sollten die Fehler wieder gutmachen. Wir sollten eine neue Welt aufbauen.

Es tut weh zu sehen und zu hören, was sich heutzutage in Europa ereignet. Wir erleben die gleiche Propaganda, die gleiche rassistische Rhetorik und ebenso Gewaltanwendung wie in den 30er Jahren. Um sich gegen die Wiederholung dieser Geschichte zu stellen muss sich unsere Gesellschaft gegen den Rassismus auf allen Ebenen stellen. Wir müssen lernen zu verstehen, was Hass erzeugt, was ihn unterhält und was ihn verbreitet.

Wir müssen uns Mittel und Wege schaffen, um den Rassismus und die Diskriminierung auf einer weiten Ebene zu bekämpfen. Die Menschen Europas müssen den Wandel sehen, den politischen Willen. Wir alle als Bürger Europas müssen teilnehmen. Keine Unterschiede des Geschlechts, der Lebensart oder der Ethnie sollen die Gesellschaft spalten, wir wollen, dass alle gleich seien und alle gleich-gelten; und alle gleiches Recht in Würde haben. Ich hoffe, dass die Annahme der Resolution am 15.4. durch das Europäische Parlament anlässlich des Internationalen Roma-tages – Antiziganismus in Europa und die EU-weite Erinnerung am Gedächtnistag des Roma-genozids während des II. Weltkriegs.

Ich empfinde eine tiefe Genugtuung darüber, wenn ich sehe, dass die Europäische Kommission jetzt den Terminus „Antiziganismus“ in ihrem Text, der sich mit ihrer Arbeit zur Verbesserung der Situation der Roma in Europa befasst, verwendet. Es ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt. Auf der anderen Seite wundere ich mich darüber, welchen Unterschied Wörter bedeuten können.

Was geschieht, wenn die Zahl der Menschen wächst, die sich offen als Rassisten bekennen? Wir sehen gerade in den europäischen Staaten wie hier rassistische Äußerungen gemacht werden. Ich höre keine scharfe Erwiderung darauf. Es herrscht allgemeines Schweigen und Duldsamkeit. Politiker erheben ihre Stimme nicht dagegen. Ich fürchte solcherart Schweigen. Es ist ein äußerst gefährlicher Feind; das Schweigen der Vielen, wenn einzelne herausgegriffen werden. Es war damals so und so ist es heute. Wir brauchen Rückhalt und wir brauchen Priorität. Wir müssen den Kampf gegen Rassismus führen dorthin, wo unsere gemeinsamen Werte liegen. Europa muss eine Welt sein, wo alle Menschen leben können, so frei wie ihr Nachbar. Wenn wir diesen Traum nicht verwirklichen, werden wir einen Alptraum ernten.

 

Heute stehen wir hier an einem der schwärzesten Orte der Geschichte.  Aber die Geschichte endet nicht hier. Der Ort ist Symbol für Hass, Tod und all dem, was Menschen einander antuen können. Aber es ist keinesfalls nur ein Friedhof oder nur ein Einzelort (Inhaber). Eine Vielzahl von Sinti und Roma, die während des II. Weltkriegs starben, starben irgendwo im Lande. Sie wurden getötet von ganz normalen Menschen, Nachbarn, Kollegen. Es war ja so leicht, jemanden zu töten. Heute noch finden wir neue Romagräber aus der damaligen Zeit in ganz  Europa verstreut.

 

Die Lebenszeit von Sinti und Roma in Europa heute ist wesentlich geringer als die der Nicht-Roma. Nach dem 35. Lebensjahr fällt unsere Überlebenskurve schnell. Die Lebenserwartung in Europa ist niedriger für die Roma! Die Lebensqualität in diesen Jahren ist oft wie die im 19. Jahrhundert.

Die offizielle Statistik über die Gewaltausübung an Roma spricht von einer großen Anzahl, in der Roma geschlagen werden, missbraucht werden, ja getötet werden – und das nur deshalb, weil sie Sinti oder Roma sind. Oft genug entbehren wir Elektrizität und Trinkwasser. Oft fehlen die Straßen, um zur Schule oder zur Arbeit zu gelangen. Und das mitten in Europa. Mitten im Jahr 2015.

Fast 100 Jahre trennen uns von den Ereignissen dieses Ortes. Oft ist es nicht die Situation selbst, die mich am meisten traurig macht. Viele von uns leben seit langer Zeit unter diesen Umständen. Die echte Frustration befällt mich, wenn ich den Mangel an menschlichem Gefühl sehe, an politischem Willen und wenn ich erlebe, wie leicht es ist, die Situation zu verbessern.

 

Ich war in einer europäischen Stadt. Dort traf ich 4 Mütter, die mir erzählten, ihre Kinder dürften nicht im Schulbus mitfahren. Der Bus fährt täglich an ihren Kindern vorbei. Sie müssten über Kornfelder laufen, während der Bus an ihnen vorbeifährt. Wir sprachen mit den Autoritäten der Stadt und sie verfügten, dass die Kinder im Bus fahren durften. Es dauerte 5 Minuten, 5 Minuten!! Das frustrierte mich erheblich. Warum müssen Mütter seit Jahren zum Rathaus gehen, wenn es eigentlich nur 5 Minuten dauert, das Problem zu beheben?

Ich war in einem anderen europäischen Staat. Eine Romasiedlung dort, die bereits seit dem Ende des II. Weltkriege existierte und immer noch kein Fließwasser hatte. Nur 100 m weiter lebten Nicht-Roma in regulären Häusern, und die hatten Fließwasser. Um an die Verantwortlichen dieses Landes zu kommen, können solche 100 m so weit sein wie 5000 Kilometer.

Das Leben der Roma in dieser Siedlung interessiert niemanden. Alles, was geschieht in dieser Siedlung hatte keine Bedeutung. Der Mangel an politischem Willen ist der Tod für die Roma in Europa. Die Unfähigkeit, die Roma als Menschen zu betrachten, Menschen von gleichem Wert, mit gleichem Recht, tötet die Roma in Europa in unseren Tagen. Der Mangel an politischem Willen frisst unsere Gesellschaft von innen her auf. Es ist die Hintertür, durch die die Neo-Nazis, die Faschisten, die Rassisten und die nationalistischen Bewegungen unsere Demokratien betreten.

Wir müssen den Antiziganismus beenden.

Wir müssen zusammenarbeiten im Kampf gegen den Rassismus.

Wir müssen uns als Gesamtheit härter einsetzen für die Werte der Demokratie, die sich bekennt zu den Prinzipien der Menschenrechte.

 

Ich möchte hier schließen und noch eine persönliche Bemerkung machen:

Ich bin geboren mit dem Stigma meiner Ethnie. Die Gesellschaft bedeutete mir, dass ich ein Mensch zweiter Klasse bin und so glaubte ich es auch für die längste Zeit meines Lebens. Ich wusste, das ist nicht die Wahrheit. Aber meine Erlebnisse in der Schule, auf der Straße und überall in meinem Leben bewiesen mir, dass es eben doch so ist, dass ich eben nicht dazugehöre (anders bin). Ich war weniger wert als die anderen.

Mein Bruder wurde uns genommen, weil wir Sintis waren. Meine Mutter musste zwangsweise eine Abtreibung vornehmen lassen und gleich dazu noch eine Sterilisation über sich ergehen lassen, und das im siebten Monat. Man nahm ihn ihr weg. Das ereignete sich in Schweden, im Jahre 1959, in einem Land, wo es weder Krieg noch rassistische Propaganda gab.  Es geschah mit der Hilfe der allgemeinen schweigenden Übereinstimmung, die genährt wurde durch den weitgespannten Antiziganismus. Letztes Jahr wurde in Schweden ein Weißbuch veröffentlicht über den Missbrauch an den Roma im 20. Jahrhundert.

Heute schiebt die schwedische Regierung Roma aus anderen Ländern Europas ab, ignoriert die Nöte der Roma, die aus diesen Ländern kommen, wenn sie ein besseres Leben suchen. Die Geschichte wiederholt sich. Wir brauchen höchste Aufmerksamkeit und brauchen Hilfestellung und zwar jetzt. Wenn wir unsere Träume (von den Menschenrechten) nicht verwirklichen, werden wir einen Alptraum ernten.

Ich möchte gerne meine 3 Wahrheiten noch mitteilen. Ich übernehme sie  von einem Mann, der in einem KZ darbte. Er verbrachte sein ganzes Leben damit, mit Schulkindern über das zu sprechen, was er während des Krieges erlebt hatte.

Es gibt nur eine Rasse, – den Menschen.

Es gibt nur eine Religion, – die Liebe.

Es gibt nur eine Welt, – oder überhaupt keine.

Quelle: Veröffentlichung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, frei übersetzt durch Hans Kiermayer.